Tiger
Mein Süßer, ich weiß nicht wo ich anfangen soll.
Ich denke an dich und mir rinnen Bäche von Tränen aus den Augen.
Immer schon habe ich Angst gehabt vor dem Tag,
der unausweichlich kommen wird, der Tag an dem du von mir gehst.
Jetzt liegt er genau eine Woche hinter mir,
letzten Montag, der 03.06.2002.
Ich begreife es nicht.
Ich vermisse dich so sehr.
Mein Leben wurde durch dich sehr viel reicher, es war schön,
dich kennen lernen zu dürfen, kurz nach deiner Geburt, am
27.04.1985.
Du warst der Letzte, der noch zu vergeben war.
Ich habe Mama so sehr genervt damit, dass ich dich haben will,
dass sie schließlich nachgegeben hat.
Dann zogst du also bei uns ein.
Ich war noch klein, gerade mal 10 und denke,
dass ich nicht immer nett zu dir gewesen bin
und dich vielleicht auch zu oft durch die Gegend getragen habe.
Es war schön für mich, mit dir um die Wette nach hause zu
rennen,
wer als erster da ist...
Ich habe verloren.
Du hast mich so lange begleitet, hast meine ganzen Freunde
kennengelernt,
bist mit mir umgezogen, in unsere erste gemeinsame Wohnung,
wo es keine Birke mehr im Balkonkasten gab,
unter der du die Sonne geniessen konntest.
Aber auch so hattest du immer einen Sonnenplatz, nie hätte ich
eine Wohnung ohne Balkon gemietet, nie eine Wohnung, wo du nicht mitgedurft
hättest.
Ich wollte nicht in Urlaub fahren, habe dich schon vermisst,
wenn ich nur eine Nacht
weg war, hatte Sehnsucht nach dir und habe mich so sehr gefreut nach hause
kommen zu dürfen, auch wenn ich nur kurz weg war.
Es war so schön, wenn du an der Tür gesessen hast,
hattest mich ja schon längst gehört.
Oder wenn du nicht an der Tür saßt,
sondern dem Schlaf den Vorzug gegeben hast, oder der Sonne.
Ich vermisse dein Schnurren,
irgendwann in der letzten Zeit hast du einfach damit aufgehört
und ich kann mich nicht einmal entsinnen,
wann ich dich das letzte Mal habe schnurren hören.
War es dir zu anstrengend, hat es weh getan,
hast du nichts mehr geniessen können, oder ging es einfach nicht
mehr?
Ich vermisse deinen Geruch,
der aus deinem Fell geduftet hat.
So wunderschön fand ich es
meine Nase in dein Fell zu drücken und dich zu riechen.
Ich vermisse deine Blicke,
aus den schönen und ehrlichen Augen.
Aus den grünen Augen mit dem dunklen Punkt,
den auch ich in einem Auge habe.
Ich vermisse deinen Anblick,
dein so wunderschönes Äusseres,
dein getigertes Fell,
die Haare die überall rumlagen,
im Essen, im Trinken,
auf dem Tisch,
auf den Klamotten,
im Bett,
die Schnurrhaare, über die ich mich gefreut habe
wenn du eins verloren und ich es gefunden habe.
Sie kleben immer noch auf meinem Bildschirm und gucken mir
entgegen.
Ich vermisse es,
dass du nicht mehr auf meinen Schoß kommst wenn ich am PC sitze,
jetzt könnte ich ungestört arbeiten,
viel lieber wäre mir aber, wenn du auf mir sitzt und mich
hinderst etwas zu tun.
Ich vermisse es,
dass du nicht mehr mit deiner Pfote auf mein geschlossenes Auge
tippst,
damit ich meine Augen öffne und dich angucke,
dich streichle,
wenn ich geschlafen habe, oder nur so getan.
Ich vermisse es,
dass du dich nicht mehr auf mein Gesicht legst,
egal ob ich dann noch Luft bekomme,
weil du gemeint hast, dass dir dieser Schlafplatz jetzt gerade
gefällt.
Ich vermisse die Wärme
in den Kuhlen der Decken, auf denen du so gerne gelegen hast.
Die Kuhlen drücke ich noch hinein,
aber du liegst nicht mehr darin!
Ich vermisse
das ohrenbetäubende Gejaule,
dieses miauauauauuuuuu,
wenn wir nach hause kamen,
wenn die Leute am Telefon fragten, ob ein Kind schreit.
Ich vermisse es,
nie wieder mit dir Fahrradfahren zu können,
mit dir im Wald spazieren zu gehen,
mit dir in der Sonne zu liegen.
Ich vermisse dich!!!
Tiger,
ich weiß nicht ob es richtig war dich am Montag zum Tierarzt zu
schleppen.
Es tat mir so weh, dich nach diesen schrecklichen epileptischen
Anfall
noch ins Auto zu packen
und loszufahren.
Es tat mir weh dich so zu sehen,
die Hinterbeine kraftlos, ohne Kontrolle,
einfach wegknickend.
Es tut mir weh zu wissen, dass ich dir hier noch gesagt habe,
dass wir gleich wiederkommen,
dass ich dich aus der Sonne genommen habe, die noch schien.
Ich habe dich angelogen,
unwissentlich,
ich kam ohne dich zurück.
Wie soll ich damit fertig werden, dass ich bestimmt habe, wann
du gehen wirst?
Das steht mir nicht zu!
Wie weiß ich, ob du mit deinem Leben abschließen konntest?
Wie weiß ich, ob du meine Entscheidung teilen kannst?
Ich hätte dich noch mit hierher nehmen können,
dann wären wir aber am Dienstag gefahren.
Unausweichlich.
Ich hatte schon am Sonntag eine solch schreckliche Vorahnung,
deswegen habe ich mir die Nacht Zeit genommen,
immer wieder nach dir gesehen, dich gestreichelt.
Das war mein Abschied,
ich habe es gewusst
und nicht wahrhaben wollen.
Mama hat mir gesagt, dass eine gute Kraft mir beigestanden hat,
dich nicht noch einmal mitzunehmen.
Dir das zu ersparen, das Leid in diesem kranken Körper noch
weiter zu leben,
wohl auch den Tag weinen und drücken, das Gefühl, dass etwas
ganz schlimmes ist.
Ich habe mir immer gewünscht, dass du zu hause stirbst,
in deiner Umgebung,
da wo du dich wohlgefühlt hast.
Dieser Wunsch ist nicht in Erfüllung gegangen,
dabei war er doch nicht so groß!
So habe ich dich beim Tierarzt einschläfern lassen,
ich komme damit nicht klar,
vielleicht ist es für dich besser?
Wenigstens war ich dabei und du bist durch die Narkose auf
meinem Schoß eingeschlafen und ich habe dich noch bequem in diesen unsäglichen
und unbequemen Karton gelegt.
Ich hoffe so sehr,
dass es dir gut geht.
Dass du dich wohlfühlst,
da wo du jetzt bist,
dass du Freunde hast,
vielleicht Rouvens Katze,
die erst kürzlich ging,
dass du Liebe erfährst.
Und ich wünsche mir so sehr
Dich wiederzutreffen!
Irgendetwas nach dem Tod
muss es doch geben.
Bis dahin begleite mich bitte,
wenn du kannst.
Ich bin so einsam.
Und ich will dir noch so viel sagen,
so viel geben.
Wir waren vertraut,
das ist das schönste was es gibt auf dieser Welt.
Jetzt bist du nicht mehr hier.
Du bist das Wichtigste und Liebste, was ich jemals hatte.
Du warst immer da, hast mir immer geholfen,
hast mich getröstet, hast meine Freude erlebt.
Jetzt kannst du mich nicht mehr trösten,
ich weine um dich.
Mir bleiben Gedanken, Kosenamen (Herr Katze; Gauner; Maus;
Tigger; Eule) Bilder, die letzten Katzenhaare, die ich noch finden darf,
die Asche, die ich bald holen werde,
Tränen.
Ich liebe dich!
Deine Judith