Luzifer's Stern

Hallo Bärchi,

wir haben Dich aufwachsen seh'n. Du und Dein Schwesterchen kamt zu mir, da wart ihr 9 Wochen alt. Schon als Baby warst Du riesig. Bist vor jedem kleinen Geräusch gleich unter den nächstbesten Schrank geflitzt. Ein Angsthase warst Du schon immer. Mit viel Liebe und Leckerlies gelang es jedoch schon bald, Dein Vertrauen zu gewinnen. Immer öfter kamst Du zu mir oder Deinem Freund Boris und hast Dich auf den Schoß gelegt. Dann hast Du dich auf dem Rücken liegend ausgestreckt und wolltest am Bauch gekrault werden. Dabei hast du laut geschnurrt und sogar richtig gegrunzt vor Vergnügen. Luzifer habe ich Dich genannt, weil Du so schön schwarz warst und herrlich gelbe Augen hattest. Doch da Du immer größer und größer wurdest und total verschmust warst, wurde daraus bald der Spitzname "Luzibär". Irgendwann riefen wir Dich einfach kurz "Bärchi". Gehört hast Du auf alle Namen.

Ich habe nie verstanden, wie solch ein riesiges Katerchen nur so viel Angst haben konnte.
Beim Kastrieren hast Du Deinem Namen Luzifer alle Ehre gemacht. Hast den Tierarzt mit samt Tierarzthelferinnen fast zerfleischt, als Du die Narkosespritze bekommen solltest und bist ihnen ausgebüxt. Sie brauchten lange, um Dich wieder einzufangen.

Wenn ich abends zu Bett ging, legtest Du Dich immer genau neben meinen Kopf. Ich streichelte Deinen Bauch, Du fingst wie immer an zu schnurren und zu grunzen. Dann nahm ich Dich in den Arm und wir sind oft zusammen eingeschlafen. Du warst solch ein sanftmütiges und liebenswertes Wesen, Dich musste man einfach gern haben.

Als Du dann raus durftest, machtest Du mir oft Geschenke, kamst mit einer Maus oder einem Vogel im Maul wieder, legtest sie mir schnurrend vor die Füße und schautest mich mit großen Augen erwartungsvoll an. Da konnte ich Dir einfach nicht böse sein. Natürlich bekamst Du dann Deine Belohnung (Leckerlies und Streicheleinheiten).
Du warst gerne draußen, hast Dein Revier erkundet und allerlei Unsinn angestellt. Ich weiß noch, wie Du mir bei der Gartenarbeit zugesehen hast, bis ein raschelndes Geräusch hinter einem offenen Fester Dich mehr fesselte. Du bist auf das Fenstersims gesprungen und hast die Bewohner tierisch erschreckt. Die nahmen es mit Humor. Als sie Dich streicheln wollten, bist Du natürlich schnell abgehauen.
Ein anderes Mal hast Du maunzend vor einem Baum gestanden, weil Du ein wehendes Blatt für einen Vogel gehalten hast. Dann wieder wolltest Du einen Vogel fangen, der in einer kleinen Tanne saß. Du bist in die Tanne gesprungen. Ich konnte dich nicht mehr sehen. Dafür sah ich, wie sich die Zweige bewegten und hörte sie kurz darauf laut knacken. Die Zweige brachen unter Deinem Gewicht und plumps, schon warst Du wieder auf dem Boden.

Unsinn hast Du wirklich allerhand angestellt. Etliche Vasen, Blumentöpfe und Gläser hast du mit Deinem Tollpatsch zerdeppert, hast meine Einkaufstüten geplündert oder meinem Bekannten sein Abendessen aus dem Rucksack stibitzt. Böse konnte ich Dir nie lange sein.

Bärchi


An unserem letzten gemeinsamen Abend hast Du wieder lange grunzend und schnurrend auf meinem Schoß gelegen, hast Dich gereckt und gestreckt. Als ich schlafen gehen wollte, bist Du zum Fenster gelaufen und wolltest raus. Ich weiß es noch genau: "Soll ich Dich jetzt rauslassen oder lieber drinnen lassen, damit ich weiter mit Dir schmusen kann", habe ich überlegt. "Sei nicht egoistisch, lass das Katerchen doch raus, er will jetzt Mäuse jagen", dachte ich dann aber und machte das Fenster auf. Ach hätte ich Dich lieber drinnen gelassen, vielleicht wärst Du dann nicht überfahren worden.
Als ich morgens aufwachte, warst Du nicht da. Ich machte mir keine Sorgen, Du warst ja öfters über Nacht weg und kamst erst im Laufe des Tages wieder. Als ich von der Arbeit kam, begrüßte mich Dein Schwesterchen Luna, nur Du warst nicht da. Ich hörte meinen Anrufbeantworter ab. Da hatte eine Frau draufgesprochen. Sie hat Dich in der Nähe ihrer Wohnung gefunden, tot, überfahren. Ich konnte es erst gar nicht richtig begreifen. Dann jedoch fing ich an, am ganzen Körper zu zittern, mein Herz klopfte wie wild und die Tränen schossen mir in die Augen. Ich rief sofort Deinen Freund Boris an. Als sein Telefon klingelte, da spürte er irgendwie, dass etwas Schreckliches passiert ist. Als ich ihm unter Tränen die furchtbare Nachricht überbrachte, war für einen Moment Totenstille am anderen Ende der Leitung. Er kam sofort, um mir beizustehen.

Ich hoffe Dir geht es gut, da wo Du jetzt bist und musst Dich nicht mehr so oft fürchten. Wir sind noch immer unendlich traurig, Du fehlst uns so, wir haben einen sehr guten Freund verloren und werden Dich nie vergessen. Du hast jetzt sogar einen eigenen Stern.
Ich verspreche Dir, dass ich immer gut für Dein Schwesterchen sorgen werde. Sie vermisst Dich ebenfalls.

In Liebe
Deine Katzenmama
Dein guter Freund Boris und
Dein Schwesterchen Luna


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